Wasserstoff-Pioniere: Was Deutschland von Island lernen kann
Islands stilles Experiment
Im Jahr 2001 eröffnete in Reykjavik die erste kommerzielle Wasserstofftankstelle der Welt. Der Treibstoff stammte aus Elektrolyse, betrieben mit Strom aus isländischer Geothermie und Wasserkraft — also zu 100% erneuerbar. Das Projekt hieß ECTOS (Ecological City Transport System) und war Teil eines EU-geförderten Forschungsprogramms.
In Island fährt man damit seit über zwanzig Jahren. In Deutschland diskutiert man noch über die Infrastruktur.
Warum Island das kann
Islands Vorteil ist strukturell: Das Land sitzt auf einem der aktivsten Vulkansysteme der Welt. Über 99% des Stroms kommt aus Geothermie und Wasserkraft. Strom ist so günstig und stabil, dass Elektrolyse wirtschaftlich funktioniert — ohne Subventionen, ohne politische Sonderbehandlung.
Das “Islandmodell” basiert auf drei Faktoren:
- Überschussstrom — Islands Kraftwerke erzeugen mehr, als das Land verbraucht. Dieser Überschuss wird für Elektrolyse genutzt.
- Lokale Netze — kurze Wege vom Erzeuger zum Verbraucher minimieren Transportverluste.
- Industrielle Abnehmer — Aluminiumschmelzen und Fischereischiffe als Grundlastverbraucher.
Was Deutschland lernen kann
Deutschland hat keinen Vulkan. Aber Deutschland hat etwas anderes: wachsende Mengen an Wind- und Solarstrom, die immer häufiger nicht abgenommen werden können, weil das Netz nicht aufnahmefähig ist.
In 2023 wurden laut Bundesnetzagentur allein durch Netzredispatch über 10 TWh Strom vernichtet — Energie, die hätte in Wasserstoff umgewandelt werden können.
Das isländische Modell zeigt: Wasserstoff ist kein Selbstzweck. Er ist ein Puffer für volatile Energieerzeugung. Nicht als Universallösung, aber als Teil eines durchdachten Energiesystems.
Wer es bereits versucht
- Orkney Islands (Schottland): Windstrom aus Offshore-Anlagen wird lokal zu Wasserstoff gewandelt und für Fähren und Busse genutzt. Seit 2021 in Betrieb.
- Hinkley Point B (UK): Elektrolyseur direkt am Kernkraftwerk, Überschussnachtstrom für Wasserstoff.
- Lolland (Dänemark): Modellprojekt mit lokaler Brennstoffzellenmobilität seit 2007.
All diese Projekte eint: Sie beginnen lokal, nutzen vorhandene Strukturen, und sie funktionieren.
Einordnung
Das Ziel dieses Artikels ist nicht Technologieoptimismus. Wasserstoff ist nicht die Lösung für alle Energieprobleme. Er ist ineffizient im Vergleich zu direkter Elektrizitätsnutzung, und die Produktionskosten bleiben hoch.
Aber für spezifische Anwendungsfälle — schwere Transportfahrzeuge, saisonale Speicherung, Industrieprozesse — gibt es kaum Alternativen. Und Islands Beispiel zeigt, dass der Weg von der Idee zur Infrastruktur kürzer ist, als Deutschlands Planungshorizonte vermuten lassen.
Quellen
- EU-Projekt ECTOS (2002–2005): ec.europa.eu
- Bundesnetzagentur, Monitoringbericht 2023
- Orkney Hydrogen Project: orkneyhydrogen.org
- Lolland Hydrogen Community: historische Projektdokumentation EU H2-Förderung